Space race – wer baut das Netz?

Netzriesen wie Facebook und Google wetteifern darum, schlecht vernetzte Orte mit Internetzugang zu versorgen und sich die Märkte zu sichern. Das hat nicht nur Vorteile.

Ein solarbetriebener WiFI-Ballon aus Googles Projekt "Loon".

Ein solarbetriebener WiFI-Ballon aus Googles Projekt “Loon”.

Anfang Juni stürzte im US-Amerikanischen Staat Washington ein Ballon ab. Er kollidierte mit einer Hochspannungsleitung und kappte die Stromversorgung der umliegenden Häuser. Trotz ihrer vermeintlichen Unbedeutsamkeit für den Rest der Welt erlangte die Nachricht aus einem Grund internationale Beachtung: es handelte sich nicht um irgendeinen Ballon, sondern um einen der ersten Ballons aus Googles Projekt Loon. Die Geschichte erinnert an eine Szene im Film Die Truman Show: ein Scheinwerfer, der einen Stern darstellen soll, fällt dem Hauptdarsteller aus dem Himmel vor die Füße. Man fragt sich: was sucht Google da oben in der Luft?

Nichts weniger als die Weltherrschaft über die Verbreitung des Internets. Facebook und Google liefern sich seit Jahren ein „space race“, um entlegene Orte der Welt mit Internetzugang zu versorgen und sich somit neue Märkte zu sichern. Projekt Loon soll mit einer schwebenden Flotte von solarbetriebenen WiFI-Ballons weltweit das Internet zugänglich zu machen. Dabei geht es vor allem um Entwicklungsländer und ländliche Regionen. Die ersten Ballons starteten ihre Reise im Juni 2013 in Neuseeland. Anfang April umrundete einer von ihnen die Erde in nur 22 Tagen.

Google hat weitere Projekte mit ähnlichem Ziel. Vor kurzem wurde bekannt, dass der Konzern bis zu drei Milliarden Dollar in den Aufbau eines Satellitennetzwerks investiert hat. Im April kaufte Google den Drohnenhersteller Titan Aerospace, ein solarbetriebenes Produkt, um Google Zugang zu potentiellen Internetnutzern in abliegenden Regionen zu verschaffen, ohne in teure Boden-Infrastruktur zu investieren. Facebook soll ebenfalls an Titan Aerospace interessiert gewesen sein, kaufte aber stattdessen den britischen Drohnenhersteller Ascenta. Ascenta ist Teil der internet.org Initiative, die von Facebook CEO Mark Zuckerberg angeführt wird und das Ziel hat, allen Menschen bezahlbares Internet zu bieten. Das zugehörige Connectivity Lab erforscht Möglichkeiten, Internetzugang durch Drohnen, Satelliten und Laser zu verbreiten. Fast monatlich gibt es Nachrichten, dass entweder Google oder Facebook in neue Technologien zum weltweiten Ausbau ihrer Angebote investieren.

Das Internet als Entwicklungsmotor

Mehrere Milliarden Menschen haben zurzeit keinen ständigen Internetzugang. Seit einigen Jahren wird darüber debattiert, wie man das ändern kann und ob es ein Grundrecht auf Internet gibt. Internationale Organisationen entwickeln Programme für einfachen Zugang zu Internet und Technologie. Die Breitband-Kommission der Vereinten Nationen arbeitet daran, Internetdienste zu weniger als 5% des monatlichen Durchschnittseinkommens eines Landes anzubieten. Informations- und Kommunikationstechnologie für Entwicklung – oder kurz ICT4D – hat sich als eigene Form der Entwicklungshilfe etabliert. Wissenschaftler sehen einen direkten Zusammenhang zwischen einem Internetanschluss und Armutsminderung. Ein Anstieg der Internetverbreitung um 10 Prozent in einem Land würde die Wirtschaft um 1,4 Prozentpunkte wachsen lassen.

Nirgendwo ist diese Überlegung so gut in der Praxis zu beobachten wie in Afrika. Obwohl bisher nur 16 Prozent der circa 1 Mrd. Menschen online ist, funktioniert das Internet in Teilen des Kontinents der Konflikte und Hungersnöte seit einigen Jahren als Entwicklungsmotor. Durch Digitalisierung entstehen neue Arbeitsbereiche, und in Co-working spaces wie dem kenianischen ihub wächst eine junge Unternehmerkultur. Von der Innovationswelle profitieren die Infrastruktur, medizinische und landwirtschaftliche Versorgung und vor allem die Wirtschaft. Laut einem neuen McKinsey Bericht wird das Internet in den nächsten zehn Jahren 300 Mrd. US Dollar zu Afrikas Bruttoinlandsprodukt beitragen. E-commerce soll auf 75 Mrd. Dollar Umsatz ansteigen. Die neue Kaufkraft verwirklicht sich zu großen Teilen mobil. Mobile Payment Modelle sind weiter verbreitet als hierzulande. So nutzen in Kenia zwei Drittel der Bevölkerung das SMS-Bezahlsystem MPESA, um mit ihren Mobiltelefonen einzukaufen. Dafür braucht es kein Bankkonto. In Tanzania ist MPESA gerade deshalb erfolgreich, weil nur 17% der Bevölkerung ein Konto haben.

Ein neuer, vielversprechender Markt entsteht. Internationale Internetkonzerne wie Zalando, Groupon und Ableger des deutsche Startup-Inkubators Rocket Internet kann man dort schon finden. Und auch Google ist in Afrika angekommen. Im Rahmen des sogenannten Projekt Link hat Google Glasfasernetzwerke unter der ugandischen Hauptstadt Kampala verlegt. Google Street View gibt es bereits in Südafrika, Botswana, Lesotho und Swasiland. Projekt Loon könnte das Internet, welches sich noch im urbanen Raum konzentriert, auch ins ländliche Afrika bringen.

Es gibt keine universale Lösung

Es gibt Stimmen die befürworten, dass wirtschaftsstarke Internetunternehmen den Gedanken der globalen Vernetzung von internationalen Organisationen verwirklichen. Oft haben sie mehr Möglichkeiten die Infrastruktur eines Entwicklungslandes zu stellen als das Land selbst. Und die Konzerne stimmen dem Grundrecht auf Internet allein aus wirtschaftlichen Gründen gerne zu. Mit 1,3 Milliarden Nutzern hat Facebook bereits eine große Anzahl von den geschätzten 3 Milliarden Menschen, die das Internet nutzen, erreicht. Die restlichen 4 Milliarden ans Internet anzuschließen, wird sich enorm auf zukünftige Nutzerzahlen auswirken. Doch ganz so einfach, wie die nette Kinderstimme im animierten Video von Projekt Loon erklärt, dass Internet-Ballons allen Menschen ein besseres Leben bringen, ist es nicht.

Das Problem ist oft nicht der Zugang zum Internet, sondern die Kosten der Träger. In vielen Entwicklungsländern werden ältere Technologien genutzt, und die sind mit den Google- und Facebookangeboten nicht kompatibel. Die meisten Menschen in ärmeren, ländlichen Regionen können sich keine Smartphones und Laptops leisten. Dazu kommt, dass die Google Ballons nur 3G Internet auf die Erde strahlen. Das wird in vielen Ländern noch nicht angeboten. Letztendlich müssen Google und Co sich mit lokalen Bedingungen und Geräten auseinandersetzen, um ihre Konzepte erfolgreich umzusetzen. Das gilt auch für die jeweiligen politischen Umstände. Alle Länder regulieren und viele verbieten die Durchquerung ihres Luftraums. Im Staat Washington war der unglückliche Google-Ballon mit Genehmigung der US Luftfahrbehörde FAA unterwegs, aber nicht alle Behörden dieser Welt freuen sich über Ballons.

Neben den technischen und politischen Hürden von Internetprojekten mit universalem Ansatz besteht auch immer die Gefahr des Machtmissbrauchs privater Unternehmen mit Monopolstellung. Sobald die Infrastruktur eines Landes hauptsächlich von privaten und nicht von staatlichen Anbietern gestellt wird, sind Nutzer vor den Interessen eines Unternehmens nicht mehr sicher. Man denkt an Datenspeicherung und Netzneutralität. Es stellt sich zum Beispiel die Frage, ob wirklich alle ländlichen Regionen dieser Welt einen Internetanschluss bekommen sollen, oder nur jene bei denen es sich wirtschaftlich rentiert. Natürlich wissen wir seit Beginn der NSA-Spähaffäre, dass auch staatliche Anbieter ihre Interessen im Netz durchsetzen und die Politik vieler Länder das Internet stark kontrolliert und für staatliche Zwecke nutzt. Trotzdem ist ein Staat nicht auschliesslich von Profit motiviert, ein börsennotiertes Internetunternehmen hingegen schon.

Ein einseitiges Angebot hemmt auch lokales Innovationspotential. Wenn die Netz-Infrastruktur an einem einzelnen privaten Anbieter hängt, wieviel Platz gibt es dann noch für lokal entwickelte Suchmaschinen und soziale Netzwerke? Wie vielfältig kann ein Markt sein, in dem das Angebot von einem Unternehmen wie Google, das zu einem erschreckend großen Teil aus weißen, männlichen Mitarbeitern besteht, dominiert wird?

Bild: Marty Melville/ AFP/ Getty Images

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Der Freitag

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