“Manchmal arbeite ich ohne Bezahlung” – Wie Tänzerin Larissa mit Armut zurechtkommt

Photo by Kyle Head on Unsplash

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Dieser Beitrag erschien zuerst am 14.5.2018 auf watson.de

Hier gibt es alle Texte der Reihe “Unter 1000“, die ich für watson.de schreibe

Larissa (Name geändert), 25 Jahre, arbeitet als freischaffende Tänzerin in Deutschland und im Ausland. Bis Sommer 2017 studierte sie zeitgenössischen und klassischen Bühnentanz, seitdem war sie an einer Oper und einem Theater angestellt. Im Nebenjob unterrichtet sie Tanz. Ein regelmäßiges Einkommen hat sie nicht. Es kommt vor, dass sie wochenlang nichts verdient. Im Schnitt verdient sie 700 Euro netto im Monat. Davon zahlt sie

  • 300 Euro Miete
  • 200 Euro für Tanz-Training
  • 80 Euro für ihre Versicherung
  • 10 Euro für ihren Handyvertrag
  • 100 Fahrtkosten zum Vortanzen

Außerdem hat sie sich ihre Aussteuerversicherung, eine Form von Lebensversicherung, die Eltern für ihre Tochter abschließen und im Falle einer Hochzeit aber auch vorher fällig werden kann, auszahlen lassen und greift ab und zu auf diese Ersparnisse zurück, auch um Essen, Kleidung und Hygiene-Artikel bezahlen zu können. 

Würdest du dich selbst als arm bezeichnen?

Nicht unbedingt, aber wenn ich mir vor Augen halte, dass ein Tanzstudium fast genauso lang wie ein Medizinstudium dauert, aber viel weniger Geld bringt, ärgert mich das. Es ist unfair, weil ich sehr viel Zeit investiere in Training, in Vortanzen, in Proben und am Ende so schlecht davon leben kann.

Fest angestellte Tänzer bekommen ungefähr 1800 Euro brutto im Monat als Einsteigsgage, aber ich kenne kaum jemanden, der fest angestellt ist und wenn, dann nur befristet. Alles läuft meist auf Projekt-Basis. Die meisten Tänzer arbeiten nebenher im Café oder haben andere Nebenjobs. (Anmerkung der Redaktion: In dem Tanzstudio, wo wir Larissa trafen, waren fast alle Tänzer gerade nicht als Tänzer beschäftigt.)

Woran merkst Du täglich, dass Du arm bist?

Ich wohne sehr bescheiden. Mein Zimmer hat elf Quadratmeter, ich teile meine Wohnung in Berlin mit vier Leuten. Ich achte immer auf mein Geld, zum Vortanzen in anderen Städten fahre ich mit dem Bus oder Spartickets. Ich treffe schon Freunde, gehe aber nicht essen oder ins Kino.

Wenn ich keine Jobs als Tänzerin bekomme, weiche ich aufs Unterrichten aus. Ende vergangenen Jahres hatte ich drei Monate keine Tanzjobs, da habe ich jeden Tag an meiner alten Ballettschule unterrichtet und pro Stunde 30 Euro verdient. In der Zeit habe ich dann auch bei meinen Eltern gewohnt, um zu sparen.

Wie lange dauert es, bis das Geld knapp wird?

Das ist jeden Monat unterschiedlich, denn ich habe kein regelmäßiges Einkommen. Ich verdiene mal 2000 Euro brutto im Monat, mal nichts. An der Oper war ich festangestellt und habe 1600 Euro netto verdient, das hat mir den Monat danach auch noch mitfinanziert. Ich stelle mir manchmal vor, ich hätte Jura oder BWL studiert, aber ich liebe Tanz und wusste vorher, dass ich damit nicht reich werde.

Was hast du dir zuletzt gegönnt?

Neue Tanztrikots und Tanzschuhe für insgesamt 200 Euro.

Was war das Krasseste, was du mal für Geld gemacht hast?

Ich hatte alle möglichen Nebenjobs. Eine Zeit lang habe ich Regale im Supermarkt eingeräumt. Oft mache ich auch kommerzielles Backup Dancing, wo ich dann bei Shows sexy im Hintergrund tanze. Das will ich eigentlich nicht, aber es ist kommerziell und darum besser bezahlt.

Wieso wird man als Tänzerin so schlecht bezahlt?

Weil es Kunst ist. Bei Musicals werden Künstler besser bezahlt, weil Menschen mehr Geld dafür ausgeben. Alles was kommerziell ist, wird besser bezahlt als Kunst in Deutschland.

Auch variiert die Bezahlung von Job zu Job. Bei meinem Theaterjob bekomme ich 80 Euro netto pro Auftritt. Das macht bei 18 Vorstellungen 1140 Euro netto. Normalerweise bekommt man 200-400 Euro netto als Tänzer bei der Oper. Ich habe noch nie verhandeln können. Oft habe ich auch schon gratis gearbeitet. Es gibt viele, die nicht zahlen und sagen, ich solle es als Erfahrung sehen.

Tänzer haben zusätzlich die Herausforderung, dass sie viel Konkurrenz aus dem Ausland haben. Als Tänzer musst Du kein Deutsch sprechen, jeder kann hierher kommen und arbeiten und viele sind besser als Du.

Was müsste sich in Deutschland ändern, um deine Situation zu verbessern?

Musiker haben eine Fachgruppe bei ver.di, das haben Tänzer nicht (Anmerkung: Es gibt eine Fachgruppe Theater und Bühnen). Zeitgenössischer Tanz wird an festen Theatern am schlechtesten bezahlt und als erstes gestrichen. Musiker, Schauspieler und Sänger verdienen das Doppelte wie Tänzer, obwohl sie eine längere Karriere haben als wir. Wir können nur arbeiten bis wir Ende 30 sind. Um die Zeit danach, mache ich mir natürlich Sorgen.

Tanz in Deutschland
In Deutschland gibt es ungefähr 1300 festangestellte Bühnentänzer und 5000 freischaffende Tänzer. Fest angestellte Tänzer verdienen beim Einstieg im Schnitt 1800 Euro brutto. Für die freischaffenden Tänzer fordern der Dachverband Tanz und der Bundesverband Freie Darstellende Künste eine Honoraruntergrenze von 2200 Euro Brutto.

Tänzer haben ein hohes Verletzungsrisiko, außerdem müssen sie mit Ende 30 oft ihren Beruf wechseln. Möglich ist etwa eine Tätigkeit als Tanzpädagoge, Choreograph oder Ballettmeister oder Yogalehrer. Die “Stiftung Tanz” hat sich auf diese sogenannte Transition spezialisiert.

Wer ist arm in Deutschland? (Quelle: Leben in Europa EU-SILC). 
16,1 Millionen Menschen, also jeder fünfte Deutsche, war im Jahr 2015 von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.

Ein Mensch gilt als von Armut bedroht, wenn mindestens eine der folgenden drei Lebenssituationen zutrifft:

1. Das Einkommen liegt unter der Armutsgefährdungsgrenze. 2015 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 1033 Euro, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2170 Euro im Monat.

2. Der Haushalt ist von erheblicher materieller Entbehrung betroffen. Das bedeutet, dass jemand zum Beispiel nicht in der Lage war, Rechnungen für Miete, Hypotheken oder Versorgungsleistungen zu bezahlen, die Wohnungen angemessen zu beheizen oder eine einwöchige Urlaubsreise zu finanzieren.

3. Der Mensch lebt in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung.

 

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