Liebe Erwachsene, die TINCON ist nur für Jugendliche, aber wir waren für euch da

Dieser Beitrag erschien zuerst auf wired.de

Plötzlich Millionen Fans – wohin mit der Verantwortung?“ So fragt jemand, der für Jugendliche ein Star ist. Derzeit in Berlin sogar zum Echt-Anfassen, denn Oguz Yilmaz von Y-Titty ist einer der Speaker auf dem Tincon-Festival über alles, was Jugendliche digital so machen. Die erwachsene WIRED-Reporterin durfte nur kurz mal rein.

Auf dem ersten Festival für digitale Jugendkultur – der TINCON -  geht es dieses Wochenende in Berlin um Games, Roboter und VR-Brillen. Und: um Massenüberwachung, Menschenrechte und „Evil Memes“. Erwachsene sind nicht dabei: Teenager sollen einen eigenen Raum haben um „ihre“ Medien noch besser kennenzulernen, sich darüber auszutauschen, viel auszuprobieren und zu lernen, dass Verantwortung im Netz wichtig ist.

Zwischen 13 und 21 sind die Teilnehmer/innen, und da gibt es keine Ausnahme. Am Eingang zur TINCON (das steht übrigens für teenageinternetwork convention) herrscht strikte Ausweiskontrolle. Endlich mal eine Ausweiskontrolle, bei der Jungsein hilft. Erwachsene müssen draußen bleiben.

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Ein kurzer Blick ins Festivalgebäude verrät, womit sich die rund 300 anwesenden Digital Natives (erwartet werden insgesamt 1000) auf der TINCON beschäftigen: Es gibt eine „Robot area“, ein Schild ruft zum Snapchatten auf, ein Teeanger mit VR-Brille auf einem wackelnden Rollstuhl kreischt, während ihn ein „sehender“ Mensch mit Wasser besprüht. Der Teenager versucht gerade virtuell aus einem Horror-Krankenhaus auszubrechen.

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Das Zeichen zum Start setzen Johnny und Tanja Haeusler. Sie sind die Veranstalter der TINCON, Eltern zweier Teenagern und gehören zum Gründungsteam der re:publica, die dieses Jahr ihren zehnten Geburtstag feierte. Zehn Jahre: das bedeutet auch, dass die Macher und Besucher der bekannten Digitalkonferenz älter werden. Die TINCON soll die erwachsene re:publica wohl nun ergänzen.

Die Haeuslers halten keine große Rede, sie sagen eigentlich gar nichts, sondern holen als erstes jemanden aus ihrem „Jugendbeirat“ auf die Bühne. Man ist bemüht allen klar zu machen, dass Erwachsene hier nichts zu melden haben. „Habt ihr das Schild am Eingang gesehen? Ihr seid hier unter euch“, sagt Tanja Haeusler. Die alten Kamera- und Presseleute am Rande der Bühne schießen begeistert ihre Fotos von den ruhigen, eingeschüchtert wirkenden Jugendlichen auf den Sitzsäcken. Presse soll hier nur eingeschränkten Zugang haben, trotzdem wirkt sie gerade sehr präsent.

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Dass Jugendliche hier ernst genommen werden, will auch Familienministerin Manuela Schwesig – die als „eure Interessenvertreterin“ vorgestellt wird – vermitteln. „Ich bin dafür, dass man ab 16 wählen darf“, sagt sie gleich im zweiten Satz. Auch sie hält keine Rede, sondern eröffnet sofort die Fragerunde. Und da kommen dann auch Fragen aus dem jungen Publikum wie: „Wann werden die Schulen endlich digitaler? Was machen Sie im Familienministerium? Was ist mit dem Grundeinkommen?“

Als die Ministerin den Raum verlässt (und mit ihr dann auch die Presse) betritt Oguz Yilmaz vom YouTube Comedy-Trio Y-Titty die Bühne. Doch anstatt jetzt einen Witz zu machen, redet er darüber was es mit einem macht, plötzlich Millionen von Fans zu haben und wie viel Verantwortung das ist, wenn einem alle an den Lippen hängen. „Überlegt euch bitte, ob euer kleiner Bruder sehen will, wie ihr ein Hotelzimmer zerstört“, sagt Yilmaz. Er zeigt mit seinem Vortrag, worum es bei der TINCON gehen soll: um Verantwortung im Netz – und nicht nur um Spaßkultur. „Bei der TINCON geht es nicht darum, Autogramme von YouTube-Stars einzusammeln, sondern mit ihnen zu reden “, heißt es schon in der Pressemitteilung. Die Fragen der Teenager passen dann aber nicht zum Vortrag: „Warum macht ihr denn diese Pimmel-Witze?“ und „Kann man dich später noch hier treffen?“ „Verantwortung, Verantwortung…merkt euch das!“ sagt Oguz Yilmaz bedeutungsvoll mit erhobenem Zeigefinger und verlässt die Bühne. Ein Drittel der Zuschauer läuft hinter ihm her.

Um noch mehr Verantwortung geht es auch in Thilo Kaspers  Vortrag über „Evil Memes“ Evil Memes – das sind Memes, die bewusst zu Propagandazwecken eingesetzt werden oder die gezielt dazu genutzt werden, einzelne oder Menschengruppen zu diskriminieren. Cybermobbing heißt das dann.

Kasper zeigt ein Beispiel: Das Gesicht eines kleinen Mädchens mit Down-Syndrom, dazu der Spruch „I can count…to potato“. Das Mädchen kommt aus England und heißt Heidi. Sie wurde Opfer des Stereotype-Denkens, dass alle Menschen mit Down-Syndrom dumm sind. Das Meme wurde tausendfach geteilt, ohne darüber nachzudenken, wie verletzend das für Heidi sein muss. Heidis Familie hat versucht zu klagen, aber das ist bei Memes fast unmöglich, wenn sie sich einmal viral im Netz verbreitet haben.

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Nachdem der Meme-Experte den Jugendlichen eine Weile ins Gewissen geredet hat, erzählt er ihnen, wie man es besser machen kann. Er zeigt das #cutesolidarity Meme aus dieser Woche, dass vom Zeit Magazin Reporter Mohamed Amjahid gestartet wurde als Reaktion darauf, dass sich Einzelne im Netz über Kinderschokolade-Packungen empört hatten, die Kinderbilder der Nationalelf-Fußballer zeigten; darunter natürlich auch die der Fußballer mit dunkler Hautfarbe. „Wir müssen Memes mit Empathie nutzen und mit ihnen Räume öffnen, in denen Menschen debattieren können“, sagt Kasper im Gespräch mit WIRED. Wie man die „Good Memes“ bastelt, zeigt er den Jugendlichen im Anschluss an seinen Vortrag in einem Workshop. Am Sonntag gibt er den auch noch einmal für Erwachsene. Die werden dann ab 12 Uhr von den Türstehern reingelassen. Dann können sie sich auch in Workshops wie „How to Snapchat: Ausnahmsweise auch für Erwachsene“ auf den Wissensstand ihrer Kinder bringen.

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